Masuren hat mich gestern schwer begeistert, die Landschaft und die kleinen Wege waren angenehm zu fahren. Zumindest bei Su und mir, da mit der Versys ein Fahren im Stehen sehr gut funktioniert. 🙂  Außerdem sieht frau gleich mehr von der Gegend , und die ist tatsächlich sehr reizvoll. Ein wenig erinnert sie an das Waldviertel, nur mit noch mehr Seen, alten Alleen und noch weniger Leuten.  Also in Summe fast gleich 😉
Renate ist mit der hart gefederten Duke und dem hartem Sitz da wohl ein wenig  anderer Meinung, und muss daher immer wieder ein wenig vom Gas gehen. Aber auch ihr hat die Gegend sehr gut gefallen.
Damit war es nach einer kurzen Abstimmungsrunde für uns klar, wir fahren nicht direkt von hier via Suwalki nach Litauen, sondern wir drehen eine Extrarunde.

Da gerade die großen Seen vor Gizycko durch den gestrigen Starkregen nur grau in grau zu sehen waren, haben wir beschlossen einfach eine Spirale zur Litauischen Grenze zu machen. Dadurch wird zwar der Weg nach Marijampole etwas länger als geplant, ist aber unter normalen Verhältnissen immer noch leicht zu schaffen.
Wir stehen daher zeitig auf und freuen uns über das schöne Wetter draußen, vielleicht wird es wieder ein warmer, sonniger Tag für uns?

Zuerst gibt es das Frühstück, das wieder einmal in Form eines riesigen Buffets im EG des Hotels vor uns ausgebreitet ist. Das dürfte wohl eine polnische Spezialität sein.
Diese überdimensionalen Buffets, mit Schwerpunkt deftig, sind eine wunderbare Gelegenheit sich für den ganzen Tag anzuessen.
Und so kommen wir immer mit einem kleinen Pausensnack am Weg über den Tag.

Das Personal des Hotels ist seit unserer Ankunft sehr freundlich und zuvorkommend. Umso irritierender ist es dann eine empörte deutsche Pensionistin bei der Rezeption zu hören, die sich lautstark darüber beschwert, dass ihre Handtücher von gestern Abend noch nicht getauscht sind. Und jetzt schon mit der Chefin sprechen will, die natürlich ihr deutsch nicht versteht 😉

Ich wundere mich, warum manche unserer lieben Sprachverwandten das noch immer nicht kapiert haben:
Deutsche Mentalität ist nur in Deutschland – und eventuell noch in den USA – existent. Alle anderen Länder haben eine nationale Kultur, die kompatibel sein kann, aber nicht muss.
Der schönste Satz ist immer: „Bei uns in Deutschland machen wir das so…/wäre das nicht möglich……“ omg,  warum fährt man/frau dann ins Ausland?

Aber zurück zu etwas erfreulicherem, unserer Tour.
Nach dem Frühstück verwandeln wir uns wieder in Motorradfahrerinnen, beladen unsere Motorräder und fahren aus den Hof hinaus, um von dort zuerst nach Süden in Richtung Orzysz zu fahren. So wie gestern, führt uns die kurvige Straße hügelauf und -ab durch die gemischte Landschaft aus Feldern, Wälder und Seen. Immer wieder können wir dabei einen Blick auf einen kleinen Teich erhaschen.

Danach umfahren wir den großen See im Süden (Sniardwy) auf den relativ kleinen Straßen, mit immer wieder auftauchenden Gutshöfen am Weg, und auch die alten Alleen sind wieder da. Dann geht es wieder nach Norden über Mikolajki nach Ryn, und weiter bis kurz vor Ketryzn.

Damit würde sich der Kreis mit unserer gestrigen Tour schließen. Wir aber fahren neugierig weiter nach Norden durch Wegorzewo. Wir hatten eigentlich gehofft, dass auch Bauten aus der Vergangenheit zu sehen wären, aber leider war die Stadt nur farblos und lag öde vor uns. Daher ging es gleich wieder weiter nach Goldap, das schon an der Grenze zur russ. Enklave Kaliningrad liegt.
Die Stadt ist wunderhübsch und liegt eingebettet in die Hügel der Landschaft.
Warum sind wir eigentlich gerade hier? Natürlich, zuallererst, weil wir zur Wima Rally nach Estland wollen, natürlich auch, weil wir mittlerweile so viele Ecken und Winkel wie möglich von Masuren kennen lernen wollen, aber auch, weil wir für uns – unplanmäßig –beschlossen haben, die Enklave möglichst nahe komplett zu umrunden.  Die Idee entstand eigentlich mit unserem „Ausflug“ auf die polnische Nehrung. Da wir dort schon bis zum Anschlag gefahren sind, kam uns diese „verrückte“ Idee. Einen Reservetag haben wir ja in Summe eingeplant, also warum nicht mit einer kleinen Herausforderung füllen?

Dazu gehört natürlich auch der Besuch des Dreiländereck Litauen, Polen und Kaliningrad und das liegt am Ende eines Naturparks (Krajobrazowy Puszczy Rominckie), der entlang der Grenze verläuft. Daher folgen wir nun der kleinen Landstraße durch den Naturpark entlang des Grenzgebiets zu Russland, um unerwartet, kurz vor Stańczyki, den imposanten Bahn-Viadukt auftauchen zu sehen. Da die Wettersituation mittlerweile wieder etwas launisch ausschaut, verzichten wir auf den Schlenker und betrachten ihn nur aus der Ferne, um gleich weiter zu fahren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Kaum sind wir aus dem Wald draußen taucht der hübsch hergerichtete Grenzstein vor uns auf.

Etliche Fahrzeuge parken auf den Abstellflächen vor Ort. Wie wollen lieber weiter und so setzen wir unsere Fahrt fort.
Ganz kleine Wege führen uns schließlich über einen unscheinbaren Grenzübergang nach Litauen. Allein das Grenzschild steht verlassen in der Gegend herum und so nutzen wir die Ruhe vor Ort um ein kleines Fotoshooting zu veranstalten. Damit haben wir das große Polen zuerst von Süd nach Nord und dann nach West durchquert. Bis zu unserer Heimreise sind wir jetzt ausschließlich im Baltikum unterwegs!
Die landschaftlichen Veränderungen der letzten Tage waren vielfältig, und wir sind gespannt, ob in Litauen nun wieder alles anders ist?

Vom Grenzübergang geht es weiter nach Norden in Richtung Vilkaviskis und von dort nach Marijampole, da Renates Duke wieder einen Tankstop dringend benötigt und bisher keine Tankstelle zu finden war. Ich habe zwar einen Tankschlauch mit, dass heißt wir könnten ihr jederzeit aus dem Versys Tank Benzinhilfe geben, aber auf fremden Territorium bevorzugen wir doch das rechtzeitige tanken. Und, die Pausen sind ebenfalls eine willkommene Abwechslung von unserem „Kilometer fressen“  😉
Die Suche nach Benzin führt uns beinahe wieder aus Marijampole hinaus, als wir endlich auf eine geräumige Tankstelle stoßen. Die Maschinen werden von uns aufgetankt und gerade, als wir sie auf die Seite schieben, damit wir auch in Ruhe eine kleine Snackpause machen können, bricht über uns unerwartet die Regenhölle herein. Schnell schieben wir die Maschinen zurück unter das Dach der Tankstelle und verziehen uns selbst in den Verkaufsraum, da der Wind den Regen nur so vor sich hertreibt.

Da wir sowieso Pause machen wollten, nutzen wir die Gelegenheit uns mit Kaffee, Kakao und div. Sandwiches ein wenig aufzufrischen und das schlimmste der Wetterfront abzuwarten, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.

Der Regen kommt beharrlich in dichten Wellen und so bleibt uns nichts anderes übrig, als das wirklich schlimmste abzuwarten und uns dann, mit Regenkleidung geschützt, weiter auf unseren Weg nach Kaunas zu machen, wo wir uns gerade online ein nettes Hotelzimmer im Perkuno namai, oberhalb des Stadtzentrums gebucht haben.

Die kurze Fahrt nach Kaunas verläuft anfangs feucht, aber bald hört der Regen mit perfektem Timing auf und so können wir in Ruhe durch das städtische Verkehrschaos treiben, die Regenmontur trocknen und die Aussicht auf die alten Gebäude der Stadt nutzen.
Das Hotel liegt tatsächlich auf einem Berg, der das Stadtzentrum überblickt und hat einen wunderhübschen Garten, der in den Hang gebaut wurde.

Leider hat der Regen für eine massive Abkühlung gesorgt, so bleiben wir lieber im Restaurant und genießen den Ausklang des Tages.
Obwohl es langsam dunkel wird, möchte ich mir aber noch die Beine vertreten und Renate ebenfalls. Daher brechen wir, mit einer rudimentären Karte bewaffnet, auf, um das Stadtzentrum zu erkunden.

Zuerst geht es durch einen Park den Berg hinunter, und dann folgen wir der Fußgängerzone nach Westen.
Am Weg liegen viele interessante Gebäude und Lokale, doch Stück für Stück wird es schon dunkel und die Geschäfte haben zumeist schon zu.

In beinahe voller Dunkelheit kehren wir um und tasten uns im entrischen Dunklen über desolate Stiegen und Wege wieder den Berg hinauf, bis wir wieder auf die beleuchteten Straßen treffen.

Da wir unsere geplante Route – wieder – geändert haben, steht jetzt noch die Routenplanung für morgen auf dem Programm.
Das landschaftlich schöne Memel Tal und dann, falls noch Zeit ist, die Kurische Nehrung? Damit wird es Zeit schlafen zu gehen, denn morgen ist sicherlich wieder ein interessanter Tag.

Wetter:
Sonnig, dann Starkregen, dann wieder bewölkt,
Temperatur moderate 20-25°

Strecke: 385km     Fahrzeit: ca. 7Std