Amerikaner! Genauer gesagt: US Amerikaner!  Warum lieber Gott, warum?!

Das war so mein erster Gedanke, als ich im Abteil sitzend, mit den drei jungen Interrail Backpacker überrascht werde.

So schön habe ich mir das überlegt: Ein EICMA Besuch im November. Alle werden fliegen, und ich reise gemütlich im Liege- bzw. Schlafwagen hin und retour. Grundsätzlich eine brilliate Überlegung würde der liebe Gott sagen, aber hast Du auch mit Interrail gerechnet? Und, so wie mein alter Freund Don Camillo muss ich wohl, oder übel zustimmen. Apropo Don Camillo: Die Eicma findet jährlich in Mailand statt und liegt in der Po Ebene, die Landschaft Italiens die Guareschi für seine Geschichten auserkoren hatte.
Aber zurück zu diesen Interrail Teenies. Nicht, dass sie unnett wären, oder riechen würden. Aber ich hatte mich bei der Abfahrt in Meidling schon so gefreut, als ich das leere Abteil betreten habe.

Immerhin, ich habe bereits den Sitzplatz am Fenster und damit die Kontrolle über die Steckdose, aber trotzdem: Amerikaner?  Die jungen Leute sind offensichtlich ausgehungert, denn sie ordern die –nicht gerade günstige – Speisekarte quer durch. Da hat sich seit meinen wilden Reisezeiten einiges geändert, ich war immer im Supermarkt einkaufen, um dann mit Vorräten für Nacht, und nächsten Tag, ins Zelt, oder in den Zugswaggon einzukehren. Aber die Kreditkarte von Daddy ermöglicht wohl ein komfortableres Reisen. Ein Liegewagenabteil ist ja auch nicht gerade die günstigste Art die Nacht zu verbringen. Egal genug gelästert, wir unterhalten uns kurz, dann lese ich weiter. Die Lektüre: „Im Netz“ mit meiner Lieblings Koch/Detektiv/Redakteurin Mira Valensky, von Eva Rossmann. Ich liebe die erdige, österreichische Schreibweise in der Buchserie. Die Charaktere sind liebevoll herausgearbeitet, die en passant untergerührten Rezepte eine Inspiration, und die Fälle sind immer wieder kniffelig aufgebaut. 🙂
Irgendwie mag ich Krimi -mit Essen gewürzte – Geschichten, da habe ich etwas mit der lieben Svenja gemeinsam. Daher habe ich die Ami’s  bald ausgeblendet und lese für die nächsten Stunden, bis es Zeit wird die Betten herunter zu klappen und schlafen zu gehen. Noch schnell Zähne putzen und Abend Toilette, und hinauf in den Himmel (wohlweislich habe ich das oberste Bett für mich reserviert, das rein raus in einem vollen Abteil ist lästig und das Kofferfach, oberhalb der Türe angenehm in Reichweite.
Die drei kommen aber anscheinend jetzt erst in Fahrt: Es werden Skype Telefonate mit den Staaten geführt. Beunruhigte Eltern beruhigt, die ob der rigiden Waffengesetze in good old Europe ihre Kinder wehrlos den Horden von Terroristen und Verbrechern ausgeliefert sehen. Es wird lebhaft über die neuen Priester (Chaplan)  in der Gemeinde diskutiert. Echt jetzt?  Zwischendurch wird ein Radio Werbesujet einer Firma für Thanks Giving aufgenommen. Mittlerweile kenne ich den Text auswendig, denn die Sprecherin verhaspelt sich immer beim Wort „perseverance“  (Ausdauer/beharrlich) und wiederholt den Text ca. 50 mal, bis er perfekt im Smartphone ist und seine Reise in die US antritt. Und dann sprechen sie auch noch gemeinsam Gebete!! Es ist 23:30, sie wollen in Padua  (Planankunft 5:00) aussteigen, und vorher noch frühstücken? Hallo? Ich drehe einfach ganz gemein, von oben das zentrale Licht ab. Eine Weile noch Gemurmel und Smartphone Flackern und es wird tatsächlich ruhig.
Damit endet dieser kurze Tag und der nächste startet um 4:40, als ich vom Klopfen der Crew an der Türe geweckt werde, die Weckruf und Frühstück loswerden will. Leider herrscht down under Totenstille, so öffne ich nach einer Weile von oben die Türe und lasse die Bordbegleiterin herein.  Jetzt steht sie im Gang und sagt mit gedämpfter Stimme: „Padua?“  Aber auch ein mehrmaliges  wiederholen löst keinerlei Reaktion aus. Ich weise sie darauf hin, dass das Frühstück zu den drei unteren Betten gehört und drehe mich wieder in die Decke hinein. Kurz darauf kommt wirklich Leben auf im Abteil, Rucksäcke werden gepackt und auf den Gang befördert. Als der Zug mittendrin hält bricht Panik aus und einer der Kaffee Becher fliegt durchs Abteil und verteilt seinen noch vollständigen Inhalt über Bänke und Boden.
Mit einer Papierserviette wir kurz probiert den Schaden zu minimieren, aber dann schnell aufgesprungen und mit einem netten Good bye der Ausstieg des Waggons angepeilt.
Ja, geht mit Gott, aber geht! Ich hoffe ihr holt am Bahnsteig noch euer Morgengebet nach und besucht einen Priester, um euch bei der Beichte noch mindestens 100 Ave Maria geben zu lassen. 😉

Ich klettere aus dem Bett ziehe mich an und beginne mit Papierhandtüchern aus dem Zug-WC den Boden und die Bänke weitestgehend vom Kaffee zu reinigen. Das letzte was ich jetzt noch brauche ist kalter Kaffeegeruch am Morgen, oder einen Putztrupp der jetzt durchs Abteil fegt. Nach dem das übelste bereinigt ist, lege ich mich wieder schlafen. Apropo, der Zug steht seit 30min immer noch in der Station (Teilung Rom/Mailand).  Ich muss erst um 7:45 aus dem Bett, der Zug kommt in Mailand erst um 9:12 an, also kein Morgenstress, denn das hasse ich.

Pünktlich um 7:40 bin ich wach, sammle noch die 3 Frühstücke zusammen und bereite mir erst einmal ein kleines Frühstücksmenü Feeling im Abteil. Die 3 haben offensichtlich nicht einmal probiert etwas einzupacken, so bleibt alles mir. Ich kenne eine Maus, die sicherlich nicht allzu böse darüber gewesen wäre.  Für mich ist es jedenfalls zu viel, Tee kommt auch gerade erst. Also packe ich einen Teil für den Tag ein und über den Rest mache ich mich her. Heute brauche ich sicher erst am Abend wieder etwas zu essen. Es geht am Gardasee vorbei und  Station am Weg ist Brescia, ein Ort der gerade 80km vom Don Camillo Städtchen Brescello entfernt ist.

Mittelmäßig ausgeruht, aber dafür voll gesättigt, komme ich beinahe pünktlich in Milano an und ich begebe mich auf die Suche nach der Metro. Gefunden, Tagesticket gekauft und los mit der M2 und M1 zur Messe. An der Aussteigestelle wartet schon ein Pulk an Kontrolleuren auf uns, wohl wissend, dass die Kernzone Mailands vor zwei Stationen zu Ende ist und für die letzte Station ein extra Aufpreis notwendig gewesen wäre. Die dafür fällige Strafe von 36,- € sorgt an Messetagen sicher für die Sanierung der Mailänder Verkehrsbetriebe (ATM). Ich erkenne die Situation sehr schnell und wähle den Kontrolleur mit Bedacht und wirklich, ich habe Glück im Unglück, ich komme mit einer freundlichen Verwarnung davon.  Mailand, 09:45, die Frisur sitzt….  Mit dem Wissen, dass viele Jahre des herum wildern in den Wiener Öffis nicht umsonst waren, und einem breiten Grinsen im Gesicht geht es weiter zum Ausgang. Wo das Grinsen gleich gefriert, denn vor mir steht eine Schlange von sicher tausend Besuchern, die durch 5 altersschwache Gepäckkontrollbänder und Röntgenschleusen am Vorankommen gehindert werden. 🙁
Österreich Du glückliches Land, wo eine Messe kein potentielles Attentats Gebiet ist (hier wahrscheinlich auch nicht, aber was tut man nicht für die gute Laune der Besucher?) MINUTEN später stehe ich hinter so einer Schleuse und diskutiere mit dem Operator eines solchen Bandes darüber, ob ich ein Schweizer Messer im Gepäck habe, oder nicht. Er erwartet von mir, dass ich dieses aushändige, und ich habe wirklich keine Ahnung, wo das in meinem Rucksack sein könnte, wenn überhaupt?  (Ich habe es auch zu Hause nicht gefunden, also entweder ein falscher Alarm, oder der falsche Rucksack –da diese beinahe gleichzeitig durch den Scanner rollen, wäre das gar keine Überraschung)
Zum Auspacken des übervollen Rucksacks steht eine Fläche von ca. 30x30cm zur Verfügung, ich beginne ob dieser Frotzelei damit meine schmutzige (unter)Wäsche und weibliche Toilett-Gegenstände auszubreiten, denn das hilft in südlichen Ländern immer. Der Operator winkt erwartungsgemäß ab und schuht mich weiter…….
Endlich, denke ich mir, endlich jetzt nur noch die Messe! Jaaahhaaaa!

Aber schmecks, der Zugang von der Metro Seite ist definitiv der Falsche. 🙁 Der relevante Teil der Ausstellung befindet sich am anderen Ende des riesigen Ausstellungsgeländes und so marschiere ich in dahintrödelnden Gruppen noch einmal 400-500m weiter bis ich endlich, endlich! zur Kasse komme, die die Halle 22 und 24 bewacht. Ich hole meine gratis Eintrittskarte ab, gebe überflüssiges Gewand und Gepäck ( inkl. virtuelles Taschenmesser) an der Garderobe ab und betrete mit WRWR T-Shirt bekleidet und mit Selfistick, Smartphones, Powerpacks, Kabeln und Sticker bewaffnet die riesigen Hallen.
Ab jetzt beginnt das Spiel, weswegen ich eigentlich hier bin: WRWR (Women Riders World Relay) zu promoten und die ital. Moto Amica’s für das Thema zu interessieren. Sticker und ein Protoyp T-Shirt von WRWR habe ich auch mit, falls mich eine der ital. FB Mitglieder aufspürt. Deshalb poste ich regelmäßig Fotos und Texte über meinen Aufenthalt in die Event Diskussion. Catch me, if you can…  😉

Das ist aber ganz schön anstrengend.  Markante Punkte zu finden, sie auf FB zu posten, dort auch eine Zeit lang enge Kreise darum zu ziehen, vorausschauend einen neuen Punkt zu posten und dort das Spiel zu wiederholen und zwischendurch Sticker verteilen.
Auf diese Art und Weise bewege ich mich durch die Halle 22, schaue am Stand von Benelli (Leoncino!), Alpinestars, SWM, …………
Dazwischen treffe ich kurz Elsbeth unsere WIMA Freundin aus der Schweiz, die Ihre Teilnahme an der Olivenernte in der Toskana dazu genutzt hat mir heute kurz auch Aufmunterung zukommen zu lassen. Wir machen zusammen ein paar Fotos, und, obwohl Sie die erste ist, die mich gefunden hat, wird aus Gründen der Fairness (sie hatte Insiderwissen! ) kein T-Shirt vergeben und auf die Sticker vergessen wir vor lauter blödeln natürlich auch…
Wir trennen uns wieder, mein Tempo ist ja Grotten langsam mit dem laufenden Stop and Go, und vereinbaren ein Treffen zu Mittag.
Es ist dann fast 13:00, als ich das T-Shirt endlich an die Frau bringen darf. Emily ist die glückliche Gewinnerin, sie hat mich am Beta Stand erwischt, wir beide sind froh. Ich, weil ich es nun nicht mehr herumtragen muss, Sie, weil es gut passt und der Besuch der Eicma dadurch gleich zweimal so toll ist! Wir machen ein gemeinsames Fotoshooting, danach setzen wir getrennt unsere Wege weiter. 🙂

Ich treffe mich danach, wie vereinbart mit Elsbeth, nicht ohne am Weg auch die markantesten Punkte gleich vorab zu fotografieren, immerhin ist dort ja auch KTM und die neue Adventure 790 ist ja quasi ein muss Stopp.
Da ich gut gefrühstückt habe, brauche ich nur ein kleines Mittagshäppchen  und einen kurzen Stopp am WC, dann geht es weiter durch die Hallen und ich verteile weiterhin Sticker an Italienerinnen die Motorräder testen und poste meinen Standort.

 

Am KTM Stand angekommen, wird die Adventure von allen Seiten belagert. Ich stelle mich auch an, aber irgendwie dürfte es für die Amici unvorstellbar sein, dass ich tatsächlich auch auf dieses Motorrad drauf möchte. Ich werde von links, rechts und gegenüber mehrmals übergangen, deshalb ergreife ich die Initiative, komme einem Macho zuvor und zeige mit einem beherzten Tritt auf die Fußraste, dass Aufsteigen auf eine so hohe Maschine, im Kontrast zum vorher erlebten,  auch elegant aussehen kann. Ich tobe mich sitzend und stehend auf der Maschine aus, bevor ich sie wieder genau so elegant verlasse. Tja meine Herren, gelernt ist gelernt. Wir sehen uns am Erzberg!  Gngngn…

Durch das lange Warten auf den Sitz/Stehplatz hatte ich genug Zeit die Maschine vorher gründlich anzusehen. Viel Plastik, was bei Verkleidungsteilen nicht gleich ein Minus ist (speziell auf einer Adventure Maschine, die tatsächlich auch so bewegt wird), was soll dann bitte aber der fast auf den Boden reichende Kunststofftank, der links und rechts von der Skidplatte , wie eine Beule seitlich aus dem Motorrad ragt? Tiefer Schwerpunkt, so, so..  aber wie bitte soll der Tank wirklich rauhes Gelände und Stürze überleben bzw. in der Pusta repariert werden? Und, wenn ich seitliche Beulen am Motorrad haben will kaufe ich mir etwas anderes. Ich muss nun wohl wirklich auf eine 390er Adventure hoffen, oder mir etwas ganz anderes zulegen. Die Konkurrenz schläft ja auch nicht, von SWM angefangen gab es immer wieder Motorräder, die den Adventure Charakter ebenfalls in sich tragen..
Also geht die Suche weiter.

Und natürlich geht  auch meine Runde, und die Schnitzeljagd, durch die Messehallen weiter von Stand zu Stand und auch ganz kurz am Freigelände.  Um ca. 17:00 poste ich final meinen letzten Standort, dann breche ich meine Zelte am Messegelände ab, wandere zurück zur M1, kaufe ein Außenzone Ticket (1,60) und fahre ins Zentrum (Duomo) zurück. Dort schaue ich mir den wunderbar beleuchteten Dom an und schlendere durch die Altstadt in Richtung Milano Centrale.
Am Weg überkommt mich dann doch wieder der Hunger und da ich noch Semmel vom Morgen habe, kaufe ich mir in einem Supermarkt am Weg ein paar dkg  prosciutto Crudo, hauchzart geschnitten, so wie es sein soll.
Kaum bin ich aus dem Supermarkt draussen meldet sich Junior mit Tips für ein Pizzeria Ristorante in der Nähe des Zentralbahnhofs, wo er damals mit seiner Klasse wunderbare Pizzen gespeist hat.
So, jetzt habe ich den Salat? Semmel und prosciutto, oder Pizza?  Ich löse es einigermassen elegant, als ich auf zwei Barbones treffe überlasse ich ihnen mein Mangiare, und mache damit sie und auch mich glücklich, denn die Pizza ist wirklich fantastisch!
Am Bahnhof komme ich rechtzeitig an, um den Waggon gemütlich zu besteigen und mein Abteil aufzusuchen, bevor auch schon die Rückfahrt beginnt.
Diesmal geht die Rechnung auf. Ich bin und ich bleibe allein im Schlafwagenabteil. Der Tag war anstrengend und lang. So schlafe ich relativ schnell ein und wache erst wieder in mit dem Wecken um 7:30 auf. Bis 9:00 dauert die Fahrt noch. So kann ich die alte Semmeringstrecke und die Rax im schönsten Sonnenlicht bewundern, bevor der Zug  vor dem  Wr. Neustädter Becken in die klassische Nebelwand einfährt und diese bis Wien auch nicht mehr verlässt.
Resumee: Falls noch einmal Eicma, sicher nicht mit Sticker, aber gerne nur mit Zug (bis zum Messegelände). 😉